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August Sander - Herdorfs berühmter Sohn

Leben und Werk von August Sander

"...die Photographie hat uns neue Möglichkeiten und andere Aufgaben als die Malerei gegeben. Sie kann die Dinge in grandioser Schönheit, aber auch in grauenhafter Wahrheit wiedergeben, kann aber auch unerhört betrügen.....
Wenn ich nun als gesunder Mensch so unbescheiden bin, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollen oder können, so möge man mir dies verzeihen, aber ich kann nicht anders."

Bild von August Sander - Ruhepause
Ruhepause

Diese Worte stellte August Sander 1927 in einem Bekenntnis zur Fotografie seinem großen Vorhaben "Menschen des 20. Jahrhunderts" voran.

Treffender lässt sich seine künstlerische Tätigkeit kaum umschreiben. Mit seinen betont sachlichen Aufnahmen gelang es ihm, die Menschen in seiner Umgebung sowohl als Persönlichkeit und gleichzeitig in ihrer berufsständischen Rolle oder des sozialen Umfeldes darzustellen.

Zusammen mit den Arbeiten der Fotografen Karl Blossfeldt und Albert Renger-Patzsch leitet Sander in den 20er und 30er Jahren mit seinen Werken einen Richtungswechsel in der Fotografie ein, hin zur "Neuen Sachlichkeit".

August Sander wurde am 17. November 1876 in Herdorf geboren. Sein Geburtsort war zur damaligen Zeit von den im Siegerland vorherrschenden Wirtschaftsstrukturen, dem Erzbergbau und dem Hüttenwesen geprägt. So arbeitete er nach seinem Schulabschluss, wie viele seiner Kameraden, zunächst als Haldenjunge in einer nahegelegenen Grube. Sein Interesse für die Fotografie wurde geweckt, als er einen auf dem Grubengelände tätigen Berufsfotografen beim Transport seiner Ausrüstung begleitete. Mit finanzieller Unterstützung eines Onkels konnte er dann bald eine eigene Fotoausrüstung erwerben.
Zusammen mit seinem Vater baute er eine Dunkelkammer auf dem elterlichen Grundstück an und fertigte hier seine ersten Fotografien, darunter bis heute erhaltene Aufnahmen von  den Belegschaften der Herdorfer Gruben.

1897 wurde Sander zum Militärdienst nach Trier einberufen. Auch dort fand er eine Möglichkeit, einem Fotografen zu assistieren und seine Kenntnisse zu vertiefen. Zwei Jahre später begibt er sich auf Wanderschaft als Fotografengehilfe, sie führt ihn unter anderem nach Berlin, Magdeburg, Halle, Leipzig und Dresden. In Dresden besuchte er eine Kunstakademie, einige seiner Gemälde sind in seinem Nachlass erhalten geblieben. 1901 ließ sich Sander in Linz an der Donau nieder und arbeitete in einem Fotoatelier. Nach seiner Heirat im Jahre 1902 wurde er Teilhaber des Ateliers, das er einige Zeit später dann alleine übernahm und in die "Photographische Kunst-Anstalt 1. Ranges, August Sander" umbenannte. Schon in dieser Zeit erhielt er hohe Auszeichnungen für seine fotografischen Arbeiten und machte bei internationalen Ausstellungen, u. a. in Paris auf sich aufmerksam.

Bild von August Sander - Kornaufladen im Hauberg
Kornaufladen im Hauberg

1910 verkaufte er sein Linzer Atelier und zog nach Köln. Im Kölner Stadtteil Lindenthal richtete er sich kurze Zeit später ein neues Atelier ein. Von hier aus begibt er sich auch oft in den nahen Westerwald, wo viele seiner bekannten Porträts entstanden. Der Erste Weltkrieg unterbrach seine Arbeit. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg begann er 1918 auch wieder, Porträts aufzunehmen. In Köln findet er Kontakt zu Künstlerkreisen. Prominente Künstler werden seine Kunden und Freunde, durch sie erhält er neue Impulse für seine Arbeit.

Anfang der 20er Jahre entwickelte August Sander dann das Konzept zu seinem großen Porträtvorhaben "Menschen des 20. Jahrhunderts", an dem er bis ins hohe Alter arbeitete. Dieses Werk sollte einen Querschnitt der damaligen Gesellschaft darstellen.

Über die Porträtfotografie hinaus wendet sich Sander aber auch weiteren Themen zu. Im Auftrage und zusammen mit dem Schriftsteller Ludwig Mathar reiste er 1927 nach Sardinien, wo hunderte von Fotografien entstanden, die in ein Buch eingehen sollten, das der Schriftsteller plante. Neben den Porträts, die vorwiegend aus der Landbevölkerung stammen, entstehen zahlreiche Architektur- und Landschaftsaufnahmen, mit denen er die typische Lebensweise und Ausdrucksformen eines anderen Kulturkreises dokumentiert. Die Veröffentlichung dieses Buches scheitert aber.

Als Vorschau auf sein großes künstlerisch-dokumentarisches Porträtvorhaben erschien 1929 die erste Buchveröffentlichung "Antlitz der Zeit" mit 60 Aufnahmen, die große Beachtung fand. Erschwert wurde Sanders Arbeit an seinem Lebenswerk zur Zeit des Nationalsozialismus. Sein Sohn Erich, Student der Geisteswissenschaften und Mitglied der sozialistischen Arbeiterpartei, wurde denunziert und 1934 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Zwei Jahre später wurden die Druckstöcke zu seinem Buch "Antlitz der Zeit" beschlagnahmt und vernichtet.

Bild von August Sander - Preiselbeere (Vaccinium vitis idaea)
Preiselbeere (Vaccinium vitis idaea)

Sander wendet sich in dieser Zeit verstärkt der Natur- und Landschaftsfotografie zu.

In der Reihe "Deutsche Lande – Deutsche Menschen" entstehen verschiedene Hefte, in denen unter anderem das Bergische Land, die Eifel, die Mosel und das Siebengebirge dargestellt werden.
Sie enthalten neben Porträts und Architekturaufnahmen vorwiegend Studien der Natur- und Kulturlandschaft.

Auch wenn Sanders Bekanntheitsgrad überwiegend auf seine Porträts zurückzuführen ist, nehmen die Landschafts- und Naturaufnahmen einen bedeutenden Platz in seinem Werk ein und verdienen hinsichtlich ihres künstlerischen Wertes große Beachtung.

Der Zweite Weltkrieg unterbrach Sanders Arbeiten erneut. Rund 40.000 Negative stellt er zu- nächst im Keller seiner Kölner Wohnung sicher. Im Laufe der Kriegsjahre beginnt er, die wert- vollsten Negative nach Kuchhausen im Westerwald zu schaffen, wo er sich später mit seiner Frau niederlässt. So bleiben ihm rd.11.000 Negative erhalten, während der größere Teil 1946 bei einem Brand in Köln zerstört wird.

Ab 1946 konzentrierte sich Sander dann auf eine Dokumentation, in denen er die Zerstörung Kölns porträtierte. Gleichzeitig stellte er ein Mappenwerk mit Aufnahmen aus den 20er und 30er Jahren zusammen, dem er den Titel "Köln wie es war" gab.

In den Folgejahren fand er dann in Ausstellungen und über Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, die seine Porträts herausstellten, große Resonanz. Die größte internationale Anerkennung seiner fotografischen Arbeit zu seinen Lebzeiten erhielt August Sander im Jahre 1955 durch die Ausstellung "The Familiy of Man" des Museums of Modern Art in New York.

1957 starb seine Gattin, die ihn in den langen Jahren seiner künstlerischen Arbeit tatkräftig unterstützt hatte. Seine Heimatstadt Herdorf verlieh ihm im Jahre 1958 die Ehrenbürgerschaft und benannte eine Straße nach ihm. Zwei Jahre später erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Auch die Deutsche Gesellschaft für Fotografie würdigte seine künstlerische Tätigkeit mit der Verleihung des Kulturpreises im Jahre 1961. Ein Jahr später konnte er dann eine weitere größere Publikation mit Porträts unter dem Titel "Deutschenspiegel" veröffentlichen.

Im Alter von 87 Jahren verstarb August Sander am 20. April 1964 an den Folgen eines Schlaganfalls.

Sein Lebenswerk, die "Menschen des 20. Jahrhunderts" hat er nicht mehr veröffentlichen können. Aus den hinterlassenen Aufzeichnungen und Negativen hat sein Sohn Gunther Sander in Zusammenarbeit mit Ulrich Keller eine erste Fassung rekonstruiert und 1980 herausgegeben. Gegliedert nach unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen, spiegelt sich in mehr als 45 Mappen zu je 12 Aufnahmen die Gesellschaft eines halben Jahrhunderts wider.

Bild von August Sander - B�uerin aus dem Westerwald, ca. 1912
Bäuerin aus dem Westerwald, ca. 1912

Ausgangspunkt bildete die sogenannte Stammmappe, die dem Bauern gewidmet war. Sander selbst schrieb 1954 dazu:

"Die Gestalten zu der Mappe sind der engeren Heimat des Westerwaldes entstanden.
Menschen, die ich in ihren Gewohnheiten von Jugend auf kannte, schienen mir durch ihre Naturgebundenheit dazu geeignet, meine Idee in einer Stammappe zu verwirklichen, damit war der Anfang gemacht, und alle gefundenen Typen ordnete ich dem Urtypus unter mit allen Eigenschaften des allgemein Menschlichen."

Auf die Bauern folgt die Gruppe der Handwerker, die unter anderem die Mappen "Der Arbeiter" und "Arbeitertypen" enthält. Es schließen sich die Gruppen der Frau und die der Stände an, welche Mappen vom Studenten bis zum  Politiker beinhaltet. Die fünfte Gruppe ist den Künstlern gewidmet, vom Schriftsteller über Bildhauer bis zum "reproduzierenden Musiker". Die sechste Gruppe ist dem Leben in der Großstadt vorbehalten. Den Schlusspunkt bildet die Gruppe "Die letzten Menschen", in der sich Sander den Randgruppen der Gesellschaft zuwendet.

Zahlreiche Museen und Galerien haben den herausragenden Platz August Sanders in der Fotografiegeschichte unterstrichen. In vielen Ausstellungen auf der gesamten Welt, so unter anderem in New York, Philadelphia, Tokio, Moskau, oder Zürich wurde sein Werk gewürdigt.

Im Jahre 2001 fand in den Räumen der Photographischen Sammlung in Köln die Ausstellung "Menschen des 20.Jahrhunderts" statt, die auf dem gleichnamigen epochalen Werk August Sanders basiert. An der Rekonstruktion von Sanders großem Portraitwerk arbeitete die Photographische Sammlung mehrere Jahren gemeinsam mit dem Enkel des Photographen, Gerd Sander. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit erschienen 2002 in einem siebenbändigen Werk "Menschen des 20. Jahrhunderts".

Das Archiv August Sanders hat in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur der  Stadtsparkasse Köln seinen Platz gefunden. Weltweit birgt es mit 4.500 Originalabzügen und rund 11.000 Glasnegativen den größten Bestand zum Werk von August Sander. Hier wird es wissenschaftlich aufgearbeitet und der Öffentlichkeit kontinuierlich durch Publikationen und Ausstellungen zugänglich gemacht. Die Stadt Herdorf hat die in ihrem Eigentum stehenden Originalaufnahmen August Sanders dem Archiv im Oktober 1999 als Leihgabe zur Verfügung gestellt.

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Fotografien:
Die ersten drei Aufnahmen stammen aus der Kulturmappe "Haubergswirtschaft im Siegerland aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts"; die vierte Aufnahme aus der Stammmappe.

© Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur; August-Sander Archiv, Köln / VG Bild-Kunst, Bonn 1999

Für diese Darstellung wurde folgende Literatur verwendet:
Susanne Lange, "Ein Bekenntnis zur Photographie" in >August Sander 1876-1964<, herausgegeben von Manfred Heiting, Taschen-Verlag, Köln 1999,
Gabriele Conrath-Scholl, Biographie August Sander in >August Sander 1876-1964<, aaO,
Ulrich Keller, "August Sander: Eine deutsche Biographie" in >August Sander - Menschen des 20. Jahrhunderts<, herausgegeben von Gunther Sander, Schirmer-Mosel Verlag, München 1980

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